Ich wäre jetzt gern ein Idiot!

Nach einem halben Jahr der Berichte, Spekulationen, des Erkenntnisgewinns und der Wichtigtuerei im Gefolge von Covid-19 macht sich so eine gewisse coronare Müüüdigkeit breit.

Masken, Aerosole, Abstände, R-Werte, lock-, shut- oder sonst auch nicht stattgefundene downs inclusive Wirtschafts-… ach du lieber Gott!

Rauchen desinfiziert!

An Hysterien jedenfalls kein Mangel. An Leichtsinn und batzigem Mackergetue ebenso wenig. Und an schwachsinnigen Gesundheitstipps von sprechenden Apfelsinen schon mal gleich gar nicht.
Die vorhersehbaren Abwehr-, Verdrängungs- und Verleugnungstaktiken – alle programmgemäß aus der sozialpsychologischen Mottenkiste gezerrt von erbärmlichen Knallchargen in den USA und Brasilien und unseren Wichtigwichteln, die Rücksichtslosigkeit mit Freiheit verwechseln. Die große Stunde der Covidioten hat geschlagen. Vorhersehbar, wenn man sich nur erinnert hätte. An die Grippepandemie von 1918/19.

Aufruf zur Protestversammlung „gegen die ungesunde Maskenverordnung“, 1919.


Nein, das sind nicht die Leute, die anderer Meinung sind als Jens Spahn und gegen ungerechtfertigte Maßnahmen demonstrieren. Das sind Leute, die ihre egomanische Rücksichtslosigkeit, ihr offenbar grenzenloses Bedürfnis nach Selbstdarstellung und ihre asoziale Gesinnung provokativ zur Schau stellen. Die lügen, dass sich die Balken biegen und im Vorbeigehen mal eben ein paar Journalisten eins aufs Maul hauen. Die das Ende der Pandemie herbeilabern wollen, als ob sie darüber zu bestimmen hätten, wie sich ein Virus gefälligst zu benehmen hat, während gerade die Infektionszahlen wieder steigen.

Die sind gemeint.

Und gleich sind auch die Betulichkeitsprediger wieder da. Wie schon damals bei Pegida: Man müsse die Sorgen der Bevölkerung ernst nehmen, man müsse auf die Menschen zugehen und dürfe sich nicht über sie lustig machen, man müsse diskutieren. Es seien ja nicht alle so.

Once upon a time in the west… Finde den Fehler!



Bitte sehr:
1. Die Sorgen der Bevölkerung.
Niemand bestreitet sie. Meine größte Sorge ist, dass das unverantwortliche Verhalten dieser Leute zu einem noch größeren Infektionsgeschehen führt, das irgendwann auch mich erreichen kann. Und ich gehöre zu einer besonders gefährdeten Risikogruppe. Darf ich mir jetzt Sorgen machen und mich von diesen Leuten bedroht fühlen?

2. auf die Leute zugehen? Ich empfehle größtmöglichen Abstand! Erstens haben sie keine Masken auf und weigern sich obendrein welche zu tragen. Zweitens prügeln etliche von ihnen gern auf dich ein, wenn sie merken, dass du ihren Glauben nicht teilst. Oder gar Journalist bist. Oder irgendso einer von den Systemlingen. Wer oder was auch immer das sein mag. Das bestimmen sie. Wie alles andere auch.

3. sich nicht lustig machen! Nein, das kann ich auch nicht. Anfangs konnte ich mich noch königlich über den zusammengekratzten Stuss und die bizarre Selbstinszenierung dieser Leute amüsieren, die urplötzlich ihre Liebe zu Freiheit und Demokratie entdeckten, weil sie sich im Supermarkt ein Tuch umbinden sollten. Leider stellt sich inzwischen heraus, dass hier nicht ein kleiner Haufen wirrer Käuze unterwegs ist, sondern eine Karawane von zum Teil sehr gefährlichen Leuten, die quer durch die Republik tapert.

4. Es sind ja nicht alle so? Das ist richtig. Die Ideologen sind schon gefährlich genug. Mindestens ebenso gefährlich sind die Mitläufer mit ihrem diffusen Unbehagen an allem und jedem, ihrer Verunsicherung und ihren Verlustängsten. Sie lassen sich schnell mobilisieren, steuern, aufhetzen und missbrauchen. „Normale Bürgerin, besorgt um Freiheit und Demokratie.“ Ach? Und warum läuft sie dann mit ihrem Pappschild ausgerechnet jenen hinterher, die für die Demokratie nur Verachtung übrig haben?

5. Diskutieren? Was denn bitte? Wie denn bitte? Wer diskutieren will muss zunächst mal Tatsachen als Tatsachen anerkennen, und nicht Tatsachen als Lügen und Lügen für Tatsachen nehmen. Wie soll ich mit jemandem über Astronomie diskutieren, wenn es heißt, die Erde sei eine Scheibe? Wie soll ich mit jemandem diskutieren, der behauptet Covid-19 sei ungefährlich und die Pandemie inzwischen überwunden, wenn seit Tagen die Infektionszahlen steigen? Wie soll ich mit einer diskutieren, die behauptet, die Demokratie sei in Gefahr und auf die Nachfrage „Wodurch denn?“ antwortet, das wisse sie auch nicht, aber „Isso!“

Aha.

Und? Was jetzt? Lachen? Sich wundern? Argumentieren?

Da macht sich ein Kabarettist wie Florian Schröder die Mühe vor einem Publikum der sog. Querdenker aufzutreten, um … ja, was eigentlich? Die Leute zu bekehren? Zu belehren? Ihnen etwas zu erklären?

Armer Narr! Hat er wirklich geglaubt, dass er irgendwas erreichen könnte außer ein paar Schlagzeilen? Die Leute zum Zuhören bewegen? Meinungsaustausch? Sehr witzig!

Also bitte! Ihr Old-School-Demokraten! Hier ist das Jahr 2020. Alles aussteigen! Der Zug endet hier! Und gehen Sie bitte weiter! Hier gibt es nichts zu diskutieren.

Hier wird gepostet und gepöbelt. Hier wird Recht gehabt. Hier gibt’s auch was aufs Maul. Zuhören tun wir nur uns selbst. Wenn überhaupt.

Ach, man wird so müüüüde…

Und ob sich wohl Herr Castorf heute schon die Hände gewaschen hat?


Krankenschwestern in Schutzkleidung zur Zeit der Grippepandemie 1918/19.


Jetzt habe ich doch tatsächlich schon wieder Stunden meiner knapp bemessenen Lebenszeit damit verbracht, mich über diese neuesten Selbstdarsteller und ihre seltsamen Befindlichkeiten zu informieren. Was hätte ich statt dessen Schönes tun können? Vielleicht eine Radtour machen. Nachsehen, ob die Wildbienen in meinem Insektenhotel schon wieder eine Röhre belegt haben. Eine Biografie von Albert Camus lesen (aus gegebenem Anlass). Und? Was mache ich statt dessen? Ich setze mich mit Leuten und Thesen auseinander, die es nicht eine Minute meiner Zeit wert gewesen wären.

Eines allerdings habe ich dann doch gelernt:

In der antiken griechischen Demokratie wurden Bürger Athens, die sich bewusst aus dem politischen Leben heraushielten, als Idiotes bezeichnet.

Ach bitte! Wenn sich die Covidioten schon für gesund halten, – dann lasst mich doch bitte ein Idiot werden.

Denn mit diesen Leuten möchte ich nichts zu tun haben.

Es lohnt sich nicht. Sie stehlen mir nur meine Zeit.

Zivilisierte Menschen tragen Masken!