Maskenball – Eine poetische Litanei

An den Anfang dieser Poetischen Litanei zum Thema stelle ich einen Ausspruch des Philosophen Seneca. Seinen Essay „De clementia“ schrieb er kurz nach Kaiser Neros Machtantritt im Jahre 54. Er war damals noch Berater des Kaisers und empfahl dem Regenten Sanftmut. Clementia.
Die hier zitierte Erkenntnis mag coronar geschädigte Maskenverächter entzücken, doch sollten sie das Zitat zu Ende lesen.

Nemo enim potest personam diu ferre. Ficta cito in naturam suam recidunt.
Niemand kann auf Dauer eine Maske tragen. Wer sich verstellt, zeigt bald wieder sein eigentliches Gesicht.

Seneca d.J. , De clementia, 1.1.6

Auch dieses erzürnte Gedicht von Erich Kästner hätte gut in unsere Zeit gepasst. Dann hätte es wahrscheinlich Am Ballermann in Ischgl geheißen. Aber Kästner veröffentlichte es 1930. Und darum heißt es:


Maskenball im Hochgebirge

Eines schönen Abends wurden alle
Gäste des Hotels verrückt,
und sie rannten schlagerbrüllend aus der Halle
in die Dunkelheit und fuhren Ski.

Und sie sausten über wei
ße Hänge.
Und der Vollmond wurde förmlich fahl.
Und er zog sich staunend in die Länge..
So etwas sah er zum erstenmal.

Manche Frauen trugen nichts als Flitter.
Andere Frauen waren in Trikots.
Ein Fabrikdirektor kam als Ritter.
Und der Helm war ihm zwei Kopf zu groß.

Sieben Rehe starben auf der Stelle.
Diese armen Tiere traf der Schlag.
Möglich, daß es an der Jazzkapelle –
denn auch die war mitgefahren – lag.


Die Umgebung glich gefrornen Betten.
Auf die Abendkleider fiel der Reif.
Zähne klapperten wie Kastagnetten.
Frau von Cottas Brüste wurden steif.

Das Gebirge machte böse Miene.
Das Gebirge wollte seine Ruh.
Und mit einer mittleren Lawine
deckte es die blöde Bande zu.

Dieser Vorgang ist ganz leicht erklärlich.
Der Natur riss einfach die Geduld.
Andere Gründe gibt es hierfür schwerlich.
Den Verkehrsverein trifft keine Schuld.

Man begrub die kalten Herrn und Damen.
Und auch etwas Gutes war dabei:
Für die Gäste, die am Mittwoch kamen,
wurden endlich ein paar Zimmer frei.

Erich Kästner, Ein Mann gibt Auskunft. 1930


Das hat Moralisten aller Zeiten schon immer genervt: Die dumme Zügellosigkeit eines Tanzvergnügens, auf dem niemand seine wahre Identität offenbaren muss. Also machten sie sich an die Arbeit, die Verfasser von Benimm-Büchern, wie ein gewisser J.V. Samsreither mit seinem Sohn.
1883 erschien in Altona ihr Buch „Der Wohlanstand“, in dem sie nicht nur zu sittlich einwandfreiem Vergnügen auf dem Ball aufforderten, sondern zugleich auch etliche Tänze und Masken beschrieben, mit denen man eine gute Figur machen konnte.

Der Maskenball

Derselbe wird in »stufenweiser Rangordnung« abgehalten, wie es beim gewöhnlichen Ball geschieht. Wir unterscheiden vom exklusiven »Privatmaskenball« bis zur gewöhnlichsten »Maskerade«, die ein Wirt in seinem Lokal abhält.
Sehen wir hier ab von den öffentlichen Maskenbällen und betrachten wir uns einen besseren sogenannten »Kostümball«, so erblicken wir ein buntes, wechselreiches Bild.
In Farben und Gestalten aller Art wogen die Teilnehmer durcheinander, aus deren fröhlicher Runde der Ernst und die Etikette für einige Stunden verschwunden sind. Die Maskenfreiheit gestattet die Anwendung des traulichen »Du«, welches von Mund zu Mund fliegt, und Gruppen verschiedenster Art bilden und lösen sich.
Welch eine Maske man auch wählt, immer wähle man eine solche, deren Charakter man auch annähernd darzustellen vermag.
Dann sei aber auch das Kostüm an und für sich ein salonfähiges!
Man komme zum Maskenball wie zu jeder anderen Gesellschaft in salonfähiger Toillette und in einer Maske, in deren Charakter man sich hineinleben kann. Fällt die unbewußte Lüge, einen blasierten Engländer, oder heißblütigen Spanier darzustellen, gar zu schwer, so wähle man eine Maske, in der man »Schweigen und denken« kann, wenn man dazu Neigung verspürt, den Domino.

Schweigen und Denken: Domino im venezianischen Karneval

Zum Verschnaufen nach langer Belehrung hier eine kleine Zwischenbemerkung aus dem Schatz deutscher Sprichwörter. Da heißt es zum Stichwort Auf dem Maskenball:


Hier tanzt das Oberbett mit dem Unterbett.

Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 3. Leipzig 1873.


Und das Lexikon lieferte sogar eine Erklärung für diese seltsame Redensweise:

Angeblich dadurch entstanden, dass eine Frau das Unterbett versetzte, um als Tirolerin auf den Maskenball zu gehen, worauf dann ihr Mann das Oberbett ins Leihamt trug, um die Mittel zu erhalten, ihr zu folgen und mit ihr zu tanzen.

ebenda

Wie ging es nun zu auf einem Maskenball der feinen Leute? Wenn man dem Schriftsteller Friedrich Wilhelm Hackländer (1816-1877) glauben darf, nicht viel anders als bei einem „gewöhnlichen“ Ball. Das jedenfalls behauptete er in seinem mehrbändigen Werk Europäisches Sklavenleben von 1875.

Eine große Menschenmenge umlagerte den Haupteingang des Schlosses, um von den anfahrenden Masken so viel zu sehen, als die neidischen Verhüllungen, Mäntel, Shawls, Paletots erlaubten. Neugierig drängten sich diese Zuschauer vor und wagten sich oftmals so dicht heran, daß die aufgestellten Posten, Kürassiere hoch zu Roß, kaum im Stande waren, die Eingänge frei zu halten, denn wenn auch Alles vor dem stampfenden Pferde oder sobald man nur den strahlenden Küraß und die glänzende Pallaschklinge erblickte, augenblicklich zurückwich, so drängten doch die Hinteren immer wieder vor, und es war hier eine fortwährende lebendige Ebbe und Fluth.
Dies hinderte übrigens die Wagen nicht, wenn gleich im langsamsten Tempo, anzufahren und sich ihres Inhalts zu entledigen. Freilich war die Reihe sehr lang; wer daher spät vom Hause weggefahren, sich an’s Ende derselben anschließen mußte – im Falle er nämlich nicht zu den Bevorzugten gehörte – konnte lange warten, bis er die Treppen erreichte.
(…)
Ein gewöhnlicher Maskenball ist von einem solchen bei Hofe wenig verschieden. Hier sind nur die Räume prächtiger, die Beleuchtung glänzender, der Eingeladenen mehr und dabei in den einzelnen Sälen, wo sich Alles zusammendrängt, eine unerträgliche Hitze, ein fabelhafter Staub und ein Gemisch von Parfums der verschiedensten Art. Im Uebrigen gleicht ein Maskenball dem andern auf’s Haar. Hier wie dort sieht man prächtige Kostüme, geschmackvolle Anzüge, neben andern, die recht übel gewählt, ja mitunter sehr fade erscheinen. Auch die Konversation bleibt sich im Ganzen ziemlich gleich. Geistreiche Bemerkungen wechseln ab mit den dummsten Phrasen, und das bekannte: »Maske, ich kenne dich!« ist ebenso hier wie dort, nur hier gewöhnlich in’s Französische übersetzt, zu Hause. Einen Vorzug haben übrigens die gewöhnlichen Bälle, daß sich nämlich sämmtliche Anwesende gleichförmig über das ganze Lokal vertheilen, wogegen hier die Säle und Zimmer, in denen sich gerade die allerhöchsten Herrschaften aufhalten, förmlich belagert sind, von einer Menschenmasse besetzt, die Kopf an Kopf steht, in der Jeder sich vordrängt, um gleich darauf wieder sanft zurückgedrückt zu werden, wo Jeder den Hals so lang als möglich emporstreckt und das süßeste Lächeln auf seinem Gesichte hervorruft, um gleich gerüstet zu sein, sobald ein gnädiger Blick herüberdringt


Friedrich Wilhelm Hackländer, Maskenball bei Hof, aus: Europäisches Sklavenleben, 1875. 5. Band, 79. Kapitel

Nun ja. Ein paar mehr Unterschiede als sie Friedrich Wilhelm Hackländer aufgefallen sind, wird es dann doch schon gegeben haben. Als Hofrat und Reisebegleiter des württembergischen Kronprinzen hat er andere Bälle gesehen als zum Beispiel Fritz Reuter (1810-1874) in dessen Heimatstadt Stavenhagen. Die beiden waren Zeitgenossen. Aber die Milieus, die sie schilderten, lagen weiter voneinander entfernt als Aachen von Stavenhagen.

Friedrich Wilhelm Hackländer (1816-1877)
Fritz Reuter (1810-1874)

Als ich in den sogenannten Saal trat, der jetzt wohl nur für ein mäßiges Zimmer gegolten haben würde, überfiel mich eine wahre Angst vor den wunderlichen Gestalten und abscheulich starren Gesichtern, ich kam mir vor wie unter Larven die einzig fühlende Brust, und wenn ich mich selbst ansah, so wurde mir wie ein eben geschorener Pudel zu Mute, der, über sein verändertes Aussehen erschrocken, alle Ecken und Winkel aufsucht, um sich vor sich selbst zu verstecken.
(…)
Ich war nun vollständig in die dramatische Handlung des heutigen Abends hineingerissen und hätte mich vielleicht über den Ausgang des Stückes bedenklich geängstigt, hätte ich nicht zum Glück in meinem Mohren den Kaufmann Grischow erkannt, von dem ich meine Bilderbogen bezog. – „Herr Grischow, laten S’ mi los!“ – „Jung’, willst Du dat Mul hollen, jo kein Namen nennen!“ – Das war uns’re Unterredung, und die Folge war ein Glas Punsch, welches mir der gütige Mohr an der Schenke verabreichen ließ.
Es war wirklich sehr anzuerkennen, mit welcher Consequenz die Illusion aufrecht erhalten wurde; Jeder kannte den Andern, Jeder wusste schon drei Tage vorher, was der Andere darstellen würde, aber keiner ließ es sich merken, um die allgemeine Lust nicht zu verderben. Es wurden Namen mit richtigen Buchstaben in die Hand geschrieben und mit verkehrten in die Luft, es wurde mit der schnödesten Verneinung der Kopf geschüttelt, und jede durstige Seele stellte sich gewissenhaft mit abgewandtem Gesicht in die Ecke, um dort in aller Heimlichkeit in einem Zuge ein Glas Punsch hinab zu stürzen.

Fritz Reuter, Meine Vaterstadt Stavenhagen

Am Ende dieser Litanei komme ich dort wieder an, wo ich mit Seneca, dem Philosophen begonnen hatte: bei einem Gedicht von Joachim Ringelnatz.

Bei Seneca hatte es geheißen: Niemand kann auf Dauer eine Maske tragen.
Bei Ringelnatz liest sich das so: Zuletzt erlebt ein jeder doch nur sich.

Berta und ich gehn zum Maskenball

Gänse, die als Prinzessinnen sich weiden.
Schafsköpfe, die als Schafskopf sich verkleiden.
Türken, die eine Bettlerin
Mit »Frau Geheimrat« titulieren,
Cowboys mit Oberlehrermienen. — —
Nur die dabei verdienen und bedienen,
Erkennen solchen Unfugs Sinn.
Und beinah nur für diese Wenigen
Mischen wir andern uns auf buntem Teller
Zum außerordentlichen italienischen
Salat, als Stückchen dran und drin.

Berta, frisier dich etwas schneller!
Weil ich ein fertig angezogener Chinese bin.

Es braust ein Ruf wie Donnerhall, —
Berta, wir gehn zum Faschingsball,

Zu Karnevallerie Krawall,
Pot-Pickles, Mixed-Pouri und Drall.

Denn mancherlei im Leben — vielerlei! —,
Das man nicht sagt, läßt tanzen sich und gröhlen.
Und köstlich ist ein unverbindlich Küssen.

Maria Stuart, heute bist du frei.
Rasch! Gieße Flieder in die Achselhöhlen!

Nimm diese Mark für Trambahn und mal müssen.
Das Auto hin, das werde ich bezahlen.
Bin ich nicht nett??
Und geh heut nacht mit wem du willst in das Schafott.
Mach zu! Mein Hütchen — und mein Paletötchen. —
Steig ein! — Die Schlüssel? — Und die Schinkenbrötchen?
Töff töff rrrr —

Das Auto hält. Portier und Lichter strahlen.
Das Auto will ich, wie gesagt, bezahlen.
Doch, Berta Stuart, nun verlass‘ ich dich.
Zum Abenteuern muss man Freunde meiden.
Wie wir uns heute nur für andre kleiden,
Zuletzt erlebt ein jeder doch nur sich.
Du!: Morgen, überm Eimer denk an mich!

Joachim Ringelnatz, Briefe eines reisenden Artisten