Pestarzt Doktor Schnabel

Gern greift man dieser Tage zurück auf längst Erlebtes, Gelesenes, Gesehenes.

Wir wissen es doch. Es ist doch alles schon mal dagewesen. Also. Muss man das denn wieder und immer wieder kauen wie die berühmten dussligen Kühe?

Contagion – der Film.
La peste von Albert Camus – der Roman.
Die Grippepandemie von 1918 und ihr geradezu vorbildhafter Streit um die Maskenpflicht in San Francisco – nachzulesen u.a. hier https://www.spiegel.de/geschichte/maskenpflicht-1918-als-die-spanische-grippe-san-francisco-traf-a-17f9fe32-ab41-49b1-921e-c4dea23dffc2


Ja, danke. Wir wissen das alles längst. Und die weltweit coronar Geschädigten verhalten sich, programmgemäß und absolut vorhersehbar, wie aus einem Lehrbuch für Sozialpsychologie. Oder aus einem Drehbuch für einen Katastrophenfilm.

Dazu gehört dann auch das nervtötende Gelaber und Getue unser Verschwörmichel, die sich für die einzig Erleuchteten halten. Ach. Und dann gibt es ja auch noch die düsteren Grüfte der Geschichte. Wo man das Alte zu finden hofft, das so wunderbar ins Neue zu passen scheint. Was heißt hier Nostalgie? Nein, nein. Wir versichern uns unserer Geschichte. Irgendwie. Und so. Also:

Darf ich vorstellen:

Doktor Schnabel


Der pandemische Grusel hat ein Vogelgesicht: Die Darstellung eines Pestarztes aus Rom Anno 1656. Veröffentlicht in mehreren, meist schwarz-weißen Varianten im Laufe des 17. Jahrhunderts. Diese kolorierte Version stammt aus der Werkstatt des Verlegers Paul Fürst in Nürnberg.

Kleidung wider den Tod zu Rom. Anno 1656.
Also gehen die Doctores Medici daher zu Rom, wann sie die an der Pest erkranckte Person besuchen, sie zu curiren und tragen, sich vor dem Gifft zu sichern ein langes Kleid von gewäxtem Tuch, ihr Angesicht ist verlarvt, für den Augen haben sie grosse Crystalline Brillen, ueber Nasen einen langen Schnabel voll wolriechender Spezerey, in der Hände welche mit Handschuhen wol versehen ist, eine lange Rüthe, und darmit deuten sie, was man thun und gebrauche soll.

Und links und rechts neben dem Herrn Doktor eine Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Satire:

Vos creditis als eine Fabel
quod scribitur vom Doctor Schnabel,
der fugit die contagion
et autert seinen Lohn davon.
Cadavera sucht er zu fristen
gleich wie der Corvus auf der Misten
Ah credite, zihet nicht dorthin
dann Romae regnat die Pest in.

Quis non deberet sehr erschrecken
für seiner virgul oder Stecken
qua loquitur als wär er stumm
und deutet sein consilium
wie mancher credit ohne zweifel
das ihn tentir ein schwarzen teufel
Marsupium heist seine Höll
und aurum die geholte seel.

Seither geistert der habgierige unheimliche Geselle mit seinem Marsupium (Geldbeutel) durch Bilderbücher, Museen, Zeitschriften- und Zeitungsartikel, Computerspiele und durch jene sogenannten Dungeons, in denen giggelnden Gören mit dem Grauen vergangener Zeiten imponiert werden soll.

Das Hamburg Dungeon enthüllt
Dies ist eine der witzigsten und beliebtesten Shows im Hamburg Dungeon. Der Darsteller wird mit deiner Gruppe interagieren und so für einige echte Lacher sorgen.
Wusstest du, dass sich kaum jemand fand, um die Kranken und Sterbenden zu versorgen? Deshalb wurden untere Gesellschaftsschichten engagiert, um die Pestinfizierten zu pflegen – zum Beispiel Gefängnisinsassen oder Prostituierte. Die Leichenberge waren in den engen Gassen ein wahrer Alptraum, so dass am heutigen Bahnhof Dammtor eine Pestgrube ausgehoben wurde.

(aus der Website des „Hamburg Dungeon“
https://www.thedungeons.com/hamburg/de/entdecke-das-dungeon/das-pestkrankenhaus/


Na, ist das nicht witzig? Eine Leichengrube am Dammtorbahnhof! Hahaha! So sorgt man dort für „echte Lacher“! Da ging dann wohl auch Doktor Schnabel um?

Weit gefehlt! Die heute ikonografisch fast allgegenwärtige Schnabelmaske ist bisher nur zweimal überhaupt nachgewiesen worden: bei der Epedemie von 1656 in Rom und 1721 in einer Veröffentlichung in Marseille.

Darstellung von Gerhart Altzenbach, 1656

Darstellung bei Jean-Jacques Manget, Traité de la peste, 1721

Nirgendwo wurde bisher ein Hinweis gefunden, dass diese Masken und Kleidung von Pestärzten auch anderswo getragen wurden. Schon mal gleich gar nicht am Hamburger Dammtor. Entsprechende Behauptungen und Illustrationen sind also Fälschungen oder Nachahmungen, oft des 19. Jahrhunderts, das gern mit derartigem Grusel spielte und ihn für echt ausgab.

Doch stutzt der kundige Museumsbesucher! Ja aber! Ingolstadt und Berlin?

Pestmaske im Deutschen Medizinhistorischen Museum, Ingolstadt
Pestmaske im Deutschen Historischen Museum, Berlin

Von beiden Masken verlieren sich die Spuren schon nach kurzer Zeit. Bei der Ingolstädter Haube im Jahr 2002, bei der in Berlin 2006. Kunsthandel. Weiter als bis zu den Verkäufern reichen sie nicht. Belege dafür, dass die Masken je von Pestärzten gebraucht worden sind, gibt es keine. Und sonderlich gelungen sind die Hauben auch nicht: die in Ingolstadt hat keine Luftlöcher. Ihr Träger mag nicht an der Pest gestorben sein. Wohl eher könnte er erstickt sein. Und gesehen hat er gewiss nicht viel: die Augenfenster liegen zu weit auseinander. Gleiches gilt auch für das Berliner Exemplar. Hier sind immerhin Nasenlöcher eingearbeitet. Sehen aber konnte man auch hier nur sehr eingeschränkt. Und Samt als Material war nie als Stoff für eine medizinische Schutzkleidung genannt worden.

Die Leitungen beider Museen sind heute der Ansicht, dass die Echtheit dieser Masken als Schutzmasken des Doktors Schnabel sehr zweifelhaft ist.

Na, ist das wieder ärgerlich! Da hat man nun eine der Präzision und Wahrhaftigkeit verpflichtete historische Forschung, und dann liefert sie nicht, was wir uns von der Binnenexotik unserer alten Zeiten so erwarten.

Diese Schnabelmasken – sie hätten so gut zu Halloween gepasst. Und zum Karneval in Venedig.

Da gehören sie auch hin.