Fischbrötchen

Fischbrötchen? Hmmm. Wer als erste(r) auf die Idee kam, einen toten Fisch zwischen zwei Brötchenhälften zu klemmen, hat sich bisher meines Wissens noch nicht erforschen lassen. Jedenfalls dürften die Fischbrötchen älter sein als der Begriff fast food und auch älter, als das heute populärste konkurrierende Angebot aus diesem Bereich, die Currywurst.

Bismarck und seine Heringe

Wenn man davon ausgeht, dass die ersten Fischbrötchen mit Bismarckheringen belegt worden sind, dann kann die Geschichte des Fischbrötchens bis ins 19. Jahrhundert zurück reichen. Die Methode, Fisch in einem Bad aus Salz (14%) und Essigsäure (7%) zu konservieren, kam damals auf. Die so eingelegten Heringe wurden, wie vieles zu dieser Zeit, nach dem Reichskanzler Otto von Bismarck benannt. Die Erzählungen, Bismarck habe diese Zubereitung selbst erfunden oder zumindest sehr geschätzt gehört ins Repertoire der verbreiteten Bismarck-Folklore. Ebenso die Ansprüche eines Flensburger und eines Stralsunder Gastwirts bzw. Fischhändlers, die dem erfreuten Reichskanzler ihre Fische angedient haben sollen.

Goethe nun wieder…

Auf seiner Reise durch Italien (1786-1788) besuchte Goethe auch Neapel und stellte fest:

An der Ecke fast jeder großen Straße sind die Backwerksverfertiger mit ihren Pfannen siedenden Öls, besonders an Festtagen, beschäftigt Fische und Backwerk einem jeden nach seinem Verlangen sogleich zu bereiten. Diese Leute haben einen unglaublichen Abgang, und viele tausend Menschen tragen ihr Mittag- und Abendessen von da auf einem Stückchen Papier davon.

Backwerksverfertiger (!) also, nicht etwa Fischer oder Fischverkäufer versorgten die Passanten. Und offenbar wurden auch die Fische heiß gebacken serviert. Das erinnert mehr an die Balik-Ekmek-Angebote an der Galata-Brücke von Istanbul als an die küstennahe kalte Gastronomie unserer Breiten.

Balik Ekmek Verkauf in Istanbul

Bismarck wird nachgesagt „seine“ Heringe sehr gern gegessen zu haben. Und wenn man seinen angeblichen Ausspruch auch nicht nachweisen kann, so trifft er doch zu: Wenn Heringe so teuer wären wie Kaviar würden ihn die Leute weitaus mehr schätzen.

Denn Fisch galt im 19. und 20. Jahrhundert als Arme-Leute-Essen und hatte ein ausgesprochen schlechtes Image, bestenfalls noch als Fastenspeise hingenommen, aber auch darum nicht als vollwertiges Nahrungsmittel angesehen sondern nur als Hilfe in der Not.

Die Fisch verarbeitende Industrie startete deshalb mehrere Imagekampagnen, um mehr Fisch auf die Teller deutscher Familien zu bringen. Eine Kampagne zugunsten des Fischbrötchens allerdings war nicht dabei. Auch auf der Suche nach Werbung für diese Art des Fischkonsums sucht man vergeblich. Was den Schluss zulässt, dass das Fischbrötchen zwar bekannt war, weil es halt eine nahe liegende Art ist, Fisch zu essen (ebenso nahe liegend, wie eine Bratwurst in ein Brötchen zu klemmen). Als gastronomisches und nahezu standardisiertes Angebot (mit Zwiebelringen, Salatblatt, Remoulade) jedoch scheint das Fischbrötchen erst nach 1945 so richtig wahrgenommen zu werden.

Einen Popularitätsschub erfuhr das Fischbrötchen zweifellos durch die Exportmesse von 1947 in Hannover, aus der die Hannover-Messe hervorging. Nachdem den alliierten Besatzungsmächten klar war, dass Deutschland nach 1945 nicht zu einem Agrarland umgerüstet werden sollte, ergriffen die Briten die Initiative und regten die Gründung einer Industriemesse an, um die wirtschaftliche Entwicklung voran zu bringen. Nachdem Städte wie Düsseldorf dankend ablehnten, ging man in Niedersachsen auf den Vorschlag ein und erschloss ein neues Messegelände, das sich inzwischen zum größten der Welt ausgedehnt hat.

Export-Messe in Hannover 1947
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Die erste Hannover-Messe 1947 allerdings kam mit noch recht bescheidenen Angeboten heraus: der kleinste Dieselmotor der Welt wurde vorgestellt, die Firma Märklin präsentierte eine Spielzeugeisenbahn, die gewiss pünktlicher fuhr, als der legendäre Kötzschenbroda-Express der Reichsbahn, und zur Verköstigung der Messebesucher bot man Fischbrötchen an, weshalb die Messe kurze Zeit später als die Fischbrötchen-Messe von Hannover in aller Munde war. Im Unterschied zur Märklin-Eisenbahn konnten auch deutsche Besucher die angeboteten Fischbrötchen kaufen.

Fisch als fast-food

Bemerkenswert, dass sich in der britischen Besatzungszone das klassische fast-food-Angebot der Fish-n‘-Chips nicht durchsetzen konnte.

Der Verzehr von Fischbrötchen aber trägt alle Merkmale, die für die fast-food-Gastronomie typisch sind:

  • eine kurze Zubereitungszeit,
  • die öffentliche Zubereitung vor den Augen der Konsumenten,
  • kurze Wartezeiten
  • die Standardisierung sowohl der Zutaten als auch der fertigen Speisen,
  • das Essen mit den Fingern
  • Papierservietten, Unterlagen und Pappteller
  • das unvermeidliche Kleckern und Schmieren mit überschüssiger Remoulade, herunterfallenden Zwiebelringen o.ä.
  • die Zubereitung und der Verkauf an mobilen Ständen (auch wenn Fischbrötchen heute längst Teil einer ortsfesten Gastronomie sein können)

Auch der kulinarische Genuss des Fischbrötchens zeigt verwandte Merkmale mit anderen fast-food-Angeboten. Typisch ist das Herausstellen der reinen Geschmacksextreme und Konsistenzen: sauer, kalt, rauchig, fett, salzig, süß-mariniert, scharf (durch Zwiebeln), frisch, knackig, geruchsintensiv. Während die kultivierte Restaurantküche diese Noten versucht einzubinden und zu mildern, stellt die fast-food-Gastronomie, auch das Fischbrötchen, sie besonders heraus.

In der Standortfrage allerdings zeigen sich Unterschiede: Obwohl Fisch eigentlich zu jeder Zeit überall verfügbar sein kann, werden die meisten Fischbrötchen an den Küsten von Nord- und Ostsee angeboten. Und auch dort nur in Nähe der Meere. Der Wurststand hat die Parkplätze von Baumärkten erobert. Fischbrötchen bekommt man dort nicht. Dagegen steht das Image dieser Speiseangebote.

Wer Bohrmaschinen, Spanplatten oder Wandfarbe kauft, muss sich stärken und tut dies per Wurst. Das Fischbrötchen steht nicht für die verlangten Tugenden und den körperlichen Einsatz eines Heimwerkers. Es steht vielmehr für einen entspannten Bummel in der Nähe des Meeres, für eine öffentliche Sitzbank, auf der man kauend in die Ferne blicken kann, jedenfalls für unbeeinträchtigte Freizeit, die ohne Angst vor Geruchsbelästigungen im Freien bei frischer Brise genossen werden kann, möglichst angesichts von Schiffen. Mit einem Fischbrötchen assoziiert man eher Müßiggang, Weite, Freiheit und Authentizität als mit einer Currywurst. Das Fischbrötchen ist der ideale Snack für den Bummler und Flaneur.

Entsprechend wird es auch beworben. Die Frage, ob der Fischer selbst Fisch isst, wird hier plakativ bejaht. Zur Ikonografie der Fischbrötchenwerbung gehören zwingend:

  • blau und weiß als dominante Farben
  • stilisierte Darstellungen, gern mit Fischen, die sich offenbar freuen gefangen, getötet und verspeist zu werden
  • bartstoppelige Männer in folkloristischen Fischerhemden, die herzhaft zubeißen (frei nach dem Motto: gibt der Zahnarzt seiner Familie, hier also: isst der Fischer selbst!). Frauen tauchen in der Fischbrötchenwerbung nicht auf, obwohl sie meist das Verkaufspersonal stellen.
  • die eigentliche Vertriebssituation (Bude) wird ausgeblendet. Es soll immer so aussehen, als käme der Fisch frisch vom Kutter oder sei direkt von der Welle ins Brötchen gespült worden.
  • das appetitanregende Fischbrötchen in Nahaufnahme, gern kombiniert mit einem unscharf in den Hintergrund gerückten Kaltgetränk aus der Buddel.
  • jede Assoziation mit Wärme wird vermieden. Speisen und Getränke sollen statt dessen Frische darstellen. Frische assoziiert man mit Kälte. Eine Ausnahme macht natürlich die Werbung für Backfisch, der allerdings auch seltsam verloren in einem ansonsten kühlen maritimen Milieu schwimmt.

Weltfischbrötchentag!

Nun sollte man ja meinen, der Weltfischbrötchentag (an jedem 1. Sonnabend im Mai) wäre der Gipfelpunkt jeder Werbung für das Fischbrötchen und ein Aktionstag von weltweiter Geltung oder Bekanntheit, wie es der Name glauben machen will.

Weit gefehlt!

In dieser Kampagne spielt das Fischbrötchen zwar eine wichtige Rolle. Sie kommt auch sicher dem Konsum der Leckerei zugute. Eigentlich aber ist das Fischbrötchen hier nur Mittel zum Zweck.

Eingerichtet oder „ausgerufen“ hat den Weltfischbrötchentag der Verein Ostseeholstein-Tourismus. Der wiederum betraute eine Werbeagentur mit der Entwicklung dieses Marketing-Konzepts und Events. Und die bezeichnet sich in ihrer online-Präsentation seither als „Erfinder des Weltfischbrötchentags“.

Die Erfolgsgeschichte begann 2010. Wir hatten gerade den Marketing- und Kommunikationsetat des Ostsee-Holstein-Tourismus e.V., kurz OHT, ergattert. Der OHT ist als Interessenvertreter und Vermarkter der Ostseeküste Schleswig-Holsteins und des angrenzenden Binnenlandes u.a. damit betraut, als Verband seine Mitglieder zu begeistern und übergeordnete Kampagnen zu entwickeln, die mehr Gäste anlocken. (…) Und so wurde (…) der Weltfischbrötchentag bundesweit ausgerufen. Ein Spitzenthema für die schleswig-holsteinische Ostsee, das hervorragend von den Orten entlang der Küste und im Binnenland aufgenommen und interpretiert wird. (…) Was uns besonders freut: Der Weltfischbrötchentag wird sowohl von den Verbandsmitgliedern als auch von des Gästen gut angenommen, der Umsatz floriert und vor allem: Das Fischbrötchen wird durch die Berichterstattung mehr der schleswig-holsteinischen Ostseeküste zugeordnet als anderen Regionen. Denn den Weltfischbrötchentag gibt es nur hier!

Zur Originalseite: http://ranrauschen.com/innovation-ist-reine-kopfsache/

Im Klartext: Es ging bei dieser Kampagne darum, Gäste in die Orte zu locken, die im Verein Ostseeholstein-Tourismus Mitglieder sind.

Nun ja. Seither muss man sich erheblich mühen, einen selbst verschuldeten Widerspruch wegzufeiern: Der Fischbrötchentag sollte eigentlich ein Alleinstellungsmerkmal sein. Wie also kriegt man es nun hin, die angebliche Weltgeltung auf einen schmalen Küstenstreifen an der Ostsee und an einigen Binnenseen zu reduzieren, ohne der Kampagne ihre Großspurigkeit zu rauben? Und hätte man nicht an fünf remouladigen Fischfingern abzählen können, dass im Handumdrehen die Küstenorte der Nordsee auf den gerade abgelegten Kampagnenkutter aufspringen würden? Ja schlimmer noch: ausgerechnet die Restaurantkette Nordsee hängte ihr Salatblatt in den Wind. Allein das benachbarte Mecklenburg-Vorpommern strafte die Initiative mit Missachtung wie alles andere, das „nicht von hier“ oder gar „aus dem Westen“ ist. Schon Bismarck (Sie wissen schon: der mit den Heringen!) stellte fest, dass in Mecklenburg immer alles erst 50 Jahre später passiert.

Die Exklusivität der beteiligten Orte an der Ostseeküste war dennoch schneller dahin als gedacht. Seither wird kräftig gerudert, um den Fokus auf die kleine Welt des Vereins Ostseeholstein-Tourismus zu lenken, wie man nach diesem Video der Werbeagentur vermuten kann:

https://www.youtube.com/watch?v=vx7Bf4JM-_4&index=2&list=PLb3E7aKA6JypghSTiyjdLFnQrB6MToSvV&t=0s

Nur nicht über Tellerränder gucken ist die Devise. Und das Unterhaltungsangebot des Fischbrötchentags ist so originell, wie man es für provinzielle Initiativen erwarten kann: Es greift tief in die Requisitenkiste alles Beliebig-Maritimen mit Shanty-Chören, Kutterfahrten und gastronomischen Angeboten, die aus dem Fischbrötchen längst ein kulinarisches High-Light gemacht haben, das sich müht, in der Sterne-Gastronomie die Flossen auszubreiten.

Aber auch damit vollzieht das Fischbrötchen nur nach, was andere fast-food-Angebote längst vorgemacht haben: Es verliert sein Punk-Image und seinen aufdringlichen Armer-Leute-Mundgeruch und wird zur Gourmet-Spezialität hipper Strandbummler. Na Mahlzeit!