1. Mai – Tag der Arbeit

Der 1. Mai hat zwei Gesichter: Das des ländlichen Festes mit dem Tanz um den Maibaum und das eines Kampftags der Arbeiterklasse. Beide Arten an diesem Tag zu feiern scheinen nicht viel miteinander zu tun zu haben. Aber ich erinnere mich auch, dass der 1. Mai in meiner Kindheit ein Tag war, der mir beide Gesichter zeigte: vormittags auf der Kundgebung, auf der mein Vater mehr Zeit für sich und seine Familie forderte und nachmittags zeigte der 1. Mai sein anderes Gesicht: es ging hinaus ins Grüne.

Warum nun wurde ausgerechnet der 1. Mai für die organisierte Arbeiterbewegung zu einem so wichtigen Tag?

 

Dieser Holzschnitt des englischen Illustrators Walter Crane (1845-1915) aus Liverpool erschien 1897 zur Proklamation des 1. Mai mit deutschen Inschriften. Walter Crane wurde vor allem durch die Illustrationen von Kinderbüchern bekannt.

Walter Crane, 1886

Sein Ziel war es, der Kunst seiner Zeit neue Impulse durch das Handwerk zu geben und zugleich künstlerisch anspruchsvolle Produkte für den Hausgebrauch zu entwerfen. Er fertigte Textilien, Tapeten, Fliesen. Aber Crane war nicht nur Designer und Kunsthandwerker. Er war auch von den Ideen der sozialistischen Arbeiterschaft beeinflusst. Er gründete die Art Workers Guild und 1888 die Arts and Crafts Exhibition Society, um Kunsthandwerke publik zu machen. Auch zeichnete er regelmäßig Cartoons für sozialistische Zeitschriften und war Gründungsmitglied der 1884 gegründeten Socialist League.

Interessant zu sehen, dass Crane in seiner Illustration zum 1. Mai das eigentlich apolitische ländliche Motiv des Reigens beim Tanz um den Maibaum aufgreift und umdeutet.

Obwohl Crane kein Anarchist war, setzte er sich doch in Reden und auf Versammlungen für die Freilassung der acht Verhafteten nach den Haymarket Riots ein.

 

 

Haymarket Riot, Chicago. Illustration aus „Harper’s Weekly“ vom 15. Mai 1886

Die Haymarket-Riots, Chicago, Mai 1886

Am 1. Mai 1886 versammelten sich streikende Arbeiter auf dem Haymarket in Chicago, um für den 8-Stunden-Tag zu demonstrieren. Zu den Demonstranten sprach August Spies, Herausgeber der anarchistischen Arbeiterzeitung. Auch an den folgenden Tagen kam es zu Versammlungen, so am 3. Mai in der Nähe der Erntemaschinenfabrik McCormick. Die Polizei löste diese Versammlung gewaltsam auf. Sechs Arbeiter wurden erschossen, weitere verletzt.

Am 4. Mai versammelten sich Demonstranten wiederum auf dem Haymarket-Square. Gegen acht Uhr abends sollen es zunächst 2000 – 3000 Demonstranten gewesen sein. August Spies und Albert Parsons sprachen. Als dann auch noch Samuel Fielden redete, leerte sich der Platz. Ein Unwetter zog auf. Nur ca. 300 Demonstranten waren noch auf dem Platz. Unter ihnen auch der Bürgermeister Chicagos, Carter Harrison, der die Versammlung beobachtete und später feststellte, dass bis dahin alles friedlich verlaufen war.

Als Fielden um 22.30 Uhr noch auf einem offenen Wagen stehend zu den Demonstranten sprach, rückte eine 176 Mann starke Polizeitruppe vor und forderte ein sofortiges Ende der Versammlung. Fielden stieg vom Wagen herab.

Da warf jemand eine Bombe in die Menge. 12 Menschen waren sofort tot, 6 weitere Polizisten starben später im Krankenhaus. Die Polizei schoss auf Demonstranten. Wieviele dem Beschuss zum Opfer fielen blieb unbekannt. Auch der Bombenwerfer blieb unbekannt. Da aber auf der Versammlung auch Anarchisten geredet hatte, ging die Polizei davon aus, dass ein Anarchist die Bombe geworfen haben müsse. Acht Organisatoren des Streiks wurden für schuldig erklärt. Dass man ihnen nichts nachweisen konnte, spielte für den zuständigen Richter Joseph Gary keine Rolle. Er argumentierte, der Bombenwerfer habe sich anarchistisches Gedankengut angeeignet, deshalb seien die nun verhafteten Anarchisten genau so schuldig wie er. Von den acht Beschuldigten wurden

  • August Spies, Albert Parsons, George Engel und Adolph Fischer hingerichtet.
  • Louis Lingg beging Selbstmord
  • Michael Schwab und Samuel Fielden wurden zunächst zum Tode verurteilt, dann aber zu lebenslanger Haft begnadigt
  • Oscar Neebe wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.

Anarchists of Chicago von Walter Crane

Unter denjenigen, die sich für eine Freilassung der acht Beschuldigten einsetzten (wie z.B. George Bernhard Shaw) finden wir auch den Illustrator Walter Crane wieder, der die Männer porträtierte.

Das Bild oben zeigt den Moment des Bombenwurfs und die Reaktion der Polizisten und Demonstranten. Es erschien in der Zeitschrift „Harper’s Weekly“. Fotos konnte man damals in Zeitungen noch nicht publizieren. Die Blätter beschäftigten Illustratoren, die ihre Bilder aus dem Gedächtnis zeichneten. Der dokumentarische Wert des Bildes steht deshalb der dramatischen Bildgestaltung des Illustrators nach.

Der Prozess gegen die acht Beschuldigten war eine Farce. Zeugen und Jury waren gekauft. Es gab keine Beweise. Für einen der getöteten Polizisten wurde in Chicago ein Denkmal errichtet.

Am 10. Januar 1893 wurde John Peter Altgeld zum Gouverneur des Staates Illinois gewählt. Altgeld stammte aus Selters im Westerwald. Er setzte strenge Gesetze zur Regelung von Kinderarbeit sowie Arbeitsschutzbestimmungen durch, steigerte die Ausgaben für Bildung und berief einige Frauen in wichtige öffentliche Funktionen. Altgeld begnadigte die drei noch in Haft befindlichen angeblichen Verschwörer Neebe, Schwab und Fielden. Zugleich ließ er den Verlauf des Prozesses noch einmal untersuchen und kam zu dem Ergebnis, dass alle Angeklagten zu Unrecht verurteilt worden waren.

J.P.Altgeld (1847-1902)

August Spies (1855-1887)

 August Spies und die Deutschen in Chicago.

Es fällt auf, dass in die Ereignisse von Chicago etliche Amerikaner deutscher Herkunft verstrickt waren. Chicago war damals ein beliebtes Ziel deutscher Emigranten. Viele von ihnen, so auch August Spies, waren vor Verarmung, Hunger und politischer Unterdrückung nach Amerika geflohen. Nun mussten sie feststellen, dass die erhoffte Freiheit und ein neuer Wohlstand wenigen Kapitalisten vorbehalten blieb. Deshalb fanden sich unter den Gewerkschaftern der damaligen Zeit besonders viele ehemalige Deutsche. Um 1880 waren ein Drittel der Einwohner Chicagos deutsche Immigranten der ersten oder zweiten Generation. Knapp drei Viertel von ihnen waren Arbeiter. Die Gewerkschaftsbewegung in den USA bevorzugte deshalb Chicago als Ort, wo sie mit Hilfe von Streiks ihre Forderungen durchzusetzen hoffte.

August Spies wurde am 10. Dezember 1855 als erstes Kind des kurhessischen Försters Wilhelm Heinrich Spieß und seiner Frau Christine in Friedewald bei Hersfeld geboren.

In einigen Biografien findet sich noch Burg Landeck in der Rhön vermerkt. Das liegt daran, dass Spies 1886 im Gefängnis eine autobiografische Skizze niederschrieb und darin die „Raubritterburg Landeck“ – aus welchen Gründen auch immer – als seinen Geburtsort angab.

Nach dem Tod seines Vaters beschloss August 1872 auszuwandern. In jenem Jahr verließen ca. 115.000 Menschen Deutschland. Spies, wie sich August nun schrieb, hatte sich zunächst als Polsterer selbstständig gemacht. Er verdiente so gut, dass seine Mutter mit seinen Geschwistern nachziehen konnte.

Spies begann sich aber auch für soziale Belange zu interessieren. Er trat zunächst der sozialdemokratisch orientierten SAP bei, radikalisierte sich aber zunehmend, als er wahrnahm, mit welcher Brutalität in den USA gegen streikende Arbeiter vorgegangen wurde, wie Wahlen gefälscht und Richter geschmiert wurden. Spies gab seinen Handwerksbetrieb auf, wurde 1880 Herausgeber der Chicagoer Arbeiter-Zeitung und profilierte sich als Sprecher des sozialrevolutionären Flügels der amerikanischen Arbeiterbewegung.

Erinnerungskultur

Es hat lange gedauert.

Denkmal am Haymarket

Die Rehabilitierung der Angeklagten des Haymarket-Prozesses hatte schon J.P. Altgeld politisch geschadet. Von seinen Gegnern wurde das Gerücht gestreut, Gruppen von ausländischen Terroristen würden versuchen, die Demokratie in Amerika zu zerstören. Altgeld wurde nicht wiedergewählt. Die Anerkennung seiner Integrität kam spät: John F. Kennedy würdigte sein Verhalten als ein leuchtendes Beispiel für Zivilcourage.

In Chicago errichtete man zunächst ein Denkmal für einen der getöteten Polizisten. Es wurde 1889 aufgestellt und war 2,74m hoch. Beliebt war es nicht.

Es wurde einige Male umgesetzt und zweimal gesprengt. Seit 2007 steht es in der Vorhalle des Polizeihauptquartiers. Das Denkmal befand sich ursprünglich nahe des Schauplatzes Crane’s Alley/Haymarket. Dort hat man 1992 eine Bronzeplakette angebracht. Die Inschrift lautet übersetzt:

„Ein Jahrzehnt des Streits zwischen Arbeitern und Industrie gipfelte hier in einer Konfrontation, die zum tragischen Tod von Arbeitern und Polizisten führte. Am 4. Mai 1886 hatten sich Zuschauer an einer Arbeiterversammlung am Anfang der Crane’s Alley eingefunden. Ein Kontingent der Polizei, von der DesPlaines Street kommend, wurde durch eine Bombe getroffen, die aus dem Süden der Gasse geworfen wurde. Das darauf folgende Verfahren gegen acht Aktivisten gewann weltweite Aufmerksamkeit für die Arbeiterbewegung und leitete die Tradition des Ersten Mai mit seinen Arbeiterversammlungen in vielen Städten ein.
gewidmet am 25. März 1992
Bürgermeister Richard M. Daley

Ein weiteres Denkmal befindet sich als Haymarket Martyrs‘ Memorial auf dem Forest Home Cemetary in Chicago. Auf dem Sockel sind August Spies letzte Worte zitiert, die er vor seiner Hinrichtung gesprochen haben soll:

Denkmal auf dem Forest Home Cemetery

Die Zeit wird kommen, wo unser Schweigen stärker ist, als die Stimmen, die Sie heute erdrosseln.

Am 14. September 2004 einigten sich Vertreter der Stadtverwaltung, der Polizei und der Gewerkschaften darauf, am damaligen Ort des Geschehens ein neues Denkmal zu errichten. Es soll einen Redner zeigen, der auf einem Wagen stehend zu einer Versammlung spricht. Alle waren sich einig, nun endlich ein Zeichen der Versöhnung und Übereinkunft und des gemeinsamen Gedenkens errichten zu können. Es sei nach 100 Jahren ja auch wohl überfällig, meinte Lois Weisberg, commissioner of cultural affairs. Nur einige Anarchisten schwenkten schwarze Fahnen und beklagten, man würdige ihre Helden herab zu Sozialdemokraten oder liberalen Reformern. Der städtische Leiter des Denkmalprojekts sah in der Realisierung des Denkmals einen neuen Weg, wie man in Zukunft mit dem Gedenken an kontrovers wahrgenommene Ereignisse umgehen könne. Es gehe darum, sagte Nathan Mason, Denkmale zu schaffen, die niemandem eine genaue Meinung aufzwingen oder ihre Gedanken oder Reaktionen in eine spezielle Richtung lenken würden.

Haymarketdenkmal nach dem Beschluss von 2004

Und in Deutschland? Lange Zeit sah es so aus, als könne oder wolle man sich nicht erinnern.  Aber 1993 wurde dann doch in Friedewald ein Gedenkstein mit Inschrift enthüllt und ein kleiner Platz in der Gemeinde nach August Spieß benannt.

Denn immerhin: Sein Schicksal führte schließlich dazu, dass der 1. Mai bis heute ein internationaler Feiertag und für viele auch ein Kampftag geblieben ist.

1889 beschloss die 2. Internationale den 1. Mai zum internationalen Kampftag zu erklären.